Ortsverein St. Michael Sossenheim

KAB Jahresprogramm 2021

Liebe Mitglieder, Freunde und Gäste unserer KAB,

coronabedingt müssen wir bis auf weiteres leider eine Pause mit unserem Aktions- und Bildungsprogramm einlegen. Wir melden uns, sobald wir weitermachen können. Danke für Ihr Verständnis! Der KAB-Vorstand St Michael, Frankfurt / M.-Sossenheim 

Für jede Veranstaltung erfolgt eine gesonderte Einladung! Änderungen im Programm sind vorbehalten!

Nähere Informationen erhalten Sie bei: KAB-St. Michael Frankfurt / M-Sossenheim Vorstand: Tel. 069 343921 oder 0175 6334408, oder im Gemeindebüro, Tel. 069 34 31 31

Julia­ne Kink­el, Kathol­ische Christ­in im Wider­stand

1 Juliane Kinkel *17.04.1892 - †17.08.1986, wohnhaft Am Kunzengarten 18, war Mittelschul-Lehrerin und Mitglied der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung KAB Katholische Christin im Widerstand

1. Engagierte katholische Lehrerin

Juliane Kinkel wurde 1892 als Tochter des Sossenheimer Gemeindesekretärs Konrad Kinkel und Enkelin des Sossenheimer Bürgermeisters Jakob Kinkel geboren. Schon früh engagierte sie sich wie ihr Vater und Großvater im Katholischen Arbeiterverein von 1897, dem Vorläufer der Katholischen Arbeitnehmerbewegung, kurz: KAB-Sossenheim. 1913 berichtete die Sossenheimer Zeitung über den KAB-Familienabend (Abbildung 1 Foto um 1910 Juliane Kinkel19 mit ihrem Vortrag, „wie sich Geschichte, Sage und Kunst in der Wagner’schen Oper zu einem ganz eigenen Elisabethbild verwoben haben … und rezitierte einige der klassigsten Stellen, während sie andere unter Begleitung ihres Bruders sang“.2

Nach dem Besuch der Sossenheimer Volksschule wechselte sie 1906 in die dritte Klasse der höheren Mädchenschule des Katholischen Ursulinen-Instituts im Frankfurter Nordend, später in das dortige Lyzeum. Die Sossenheimer Zeitung berichtete in den Lokalnachrichten.

Fußnoten:

1 (Juliane Kinkel „Das Leben in Sossenheim vor hundert Jahren“, aufgearbeitet von Günter Moos, 2010, S. 75 2 Chronik der Katholischen Pfarrgemeinde St. Michael – Sossenheim, 2006, S. 93 (Auszug Sossenheimer Zeitung 22.11.1913) 2 Abbildung 2 Sossenheimer Zeitung Der katholische Arbeiterverein 1913: „Familien-Abend“ 3 über ihre am 04.03.1913 mit Bravour bestandene Reifeprüfung 4. Abbildung 3 Sossenheimer Zeitung „Die Reifeprüfung“

Die Ursulinenschule geht zurück auf den 1535 von Angela Merici gegründeten Ursulinenorden. Wie alle katholischen Schulen wurde sie 1938 geschlossen 5. Die „Deutsche Gemeinschaftsschule“ ersetzte die Konfessionsschulen und es half nichts, dass das Bistum Limburg in allen katholischen Pfarrämtern, auch in der St. Michaelsgemeinde, dagegen protestierte.6 Die Lehrbefähigung für Lyzeum, Volks- und Mittelschule 7 erlangte Juliane Kinkel nur ein Jahr später am 14.03.1914 mit der Note „gut befähigt“.

Nach dem Seminar Oberlyzeum der Ursulinen wurde sie als Lehrerin vereidigt. Von 1914 bis 1932 arbeitete sie als Mittelschullehrerin in verschiedenen Schulen – zuerst im Regierungsbezirk Wiesbaden, dann 1915 in Höchst. Dies zeigen die Fotos. Sie ging mit ihrer Klasse (August 1924) auf Klassenfahrt zur Wegscheide. Als emanzipierte Frau liebte sie als „Selbstfahrerin“8 das gerade in den 20er- Jahren neu aufgekommene Autofahren, das damals als „Autowandern“ in Mode kam.

Fußnoten: 

3 http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/periodika/periodical/pageview/7731408 4 Note eins in mehreren Fächern wie Deutsch, alle anderen Noten mit zwei 5 Wolfgang Wippermann, „Das Leben in Frankfurt zur NS-Zeit“ Band IV, Der Kirchenkampf S. 122 ff 6 Schreiben des Bischöflichen Ordinariats Limburg an alle katholischen Pfarrämter in Groß-Frankfurt 09.06.1938, ISG Frankfurt Mag,-Akte 5300/2 Bd. 1 7 Beglaubigte Abschrift der zweiseitigen Lehrbefähigung 25.03.1914 8 Dorothee D’Aprile, „Emanzipation auf Rädern“ Le Monde Diplomatique in TAZ 25.10.2020 3 Abbildung 4 Foto um 1915 Mittelschulklasse mit Mittelschullehrerin Juliane Kinkel (Privatbesitz) Abbildung 5 Foto August 1924 Klassenfahrt Wegscheide (Privatbesitz) Abbildung 6 Foto Juliane Kinkel (Privatbesitz) Abbildung 7 Foto Alpenverein-Ausweis Juliane Kinkel (Privatbesitz) 4 Abbildung 8 Reisepass-Antrag Juliane Kinkel 1922 (Privatbesitz)

Auch zu Fuß wanderte sie gerne, zusammen mit ihrer Schwester Käthe als Mitglied des Deutsch-Österreichischen-Alpenvereins. Für Auslandsreisen beantragte sie 1922, als Sossenheim unter französischer Besatzung war, in Höchst ihren Reisepass. Auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise 1932 wurde sie aus gesundheitlichen Gründen pensioniert 9. Zur Verbesserung Ihrer Französischkenntnisse besuchte sie 1937 in Frankreich einen Französischkurs an der Universität von Besançon und erhielt darüber ein Ausbildungszertifikat.

Die Auflösung der katholischen Zentrumspartei 1933, die in Sossenheim immer 23 bis 34 Prozent Stimmanteil hatte, die Zwangsauflösung des Katholischen Arbeitervereins10 von 1897, deren langjähriges Mitglied sie war, die Zwangsauflösung der Frankfurter Ursulinenschule 1938 und die vielen nationalsozialistischen Angriffe auf die katholische Kirche, besonders die St. Michaelskirche11, prägten ihre generelle Kritik am NS-Regime. Dies brachte das in Absprache mit deutschen Kardinälen und Bischöfen 1937 verfasste päpstliche Rundschreiben12, das am Palmsonntag in St Michael verlesen wurde, am besten zum Ausdruck. Es kritisierte, wie sie es in den Untergrundtreffen der KAB Sossenheim tat, die Zustände in Deutschland und die nationalsozialistische Ideologie mit ständigem Vertragsbruch des Konkordats, besonders die Rassenpolitik 9 Diagnose offene Lungen-Tuberkulose, Behandlung in Kliniken in der Schweiz, Österreich und Deutschland 10 Vgl. Artikel „Besatzung 1918-1929“ zur großen 25 Jahrfeier des Arbeitervereins 1922 11 Die Angriffe und Beschlagnahmen gegen die Sossenheimer St. Michaelskirche sind im Artikel „1933-1945 Katholikenverfolgung in Sossenheim“ detailliert beschrieben 12 Enzyklika Eugenio Pacelli, Papst Pius XII, 14.03.1937 http://w2.vatican.va/content/pius-xi/de/encyclicals/documents/hf_p-xi_enc_14031937_mit-brennender-sorge.html 5 der Nationalsozialisten: „Mit brennender Sorge und steigendem Befremden beobachten wir seit geraumer Zeit den Leidensweg der Kirche, die wachsende Bedrängnis der ihr in Gesinnung und Tat treubleibenden Bekenner und Bekennerinnen inmitten des Landes und des Volkes." 13

 

Fußnoten: 

Abbildung 9 Personalkarte der Mittelschullehrerin Juliane Kinkel14 Regierungsbezirk Wiesbaden, Abbildung 10 Bescheinigung Auslandssprachkurs Juliane Kinkel der französischen Universität Besançon 21.10.1937 (Privatbesitz) 13 In seiner Weihnachtsbotschaft 1942 sprach Pius XII. von den „Hunderttausenden, die ohne eigenes Verschulden, bisweilen nur aufgrund ihrer Nationalität oder Rasse dem Tod oder fortschreitender Vernichtung preisgegeben sind“ und 1943 gemeinsamer Hirtenbrief gegen „Tötung wehrloser geisteskranker Menschen, erblich Belasteter, unschuldiger Geiseln und Kriegsgefangener, Menschen fremder Rassen und Abstammung“ 14 BBF/DIPF/Archiv, Gutachterstelle des BIL - Preußische Volksschullehrerkartei opac.bbf.dipf.de/hans/VLK/VLK-0159/vlk-0159-0821.jpg 6 Vergeblich bewarb sie sich am 24.08.1940 beim Schulamt Frankfurt, Elbestraße 48, als Mittelschullehrerin für den Kriegs-Schuldienst15 mit beschränkter Stundenzahl und nicht zu weitem Schulweg aus gesundheitlichen Gründen. Dabei hob sie ihre Lehrbefähigung Französisch und Englisch hervor. Abbildung 11 Antrag der Mittelschullehrerin der Hostatoschule Höchst Juliane Kinkel vom 24.08.1940, „im Bedarfsfall Schuldienst zu versehen und halte mich hierfür bereit“ Schulamt (Stelle 12) Elbestraße 48, Frankfurt a. M. mit handschriftlicher Ablehnung 31.08.1940 „ungeeignet für Schule“

 

2. Französisch-Dolmetscherin und Sozialfürsorgerin

für 60 französische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene Näheres und Grundlegendes zum Verständnis der französischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter im Artikel „322 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in Sossenheim und 158 Russengräber auf dem Friedhof“ Sossenheim. Das Lager16 befand sich im Volkshaus. Daneben hatte der Bauunternehmer Noll Baracken für Zwangsarbeiter und betonierte Einzelarrestzellen errichtet. Gesichert war es durch Selbstschussanlagen und bewaffnete Lagerwachen. Als ehrenamtliche Übersetzerin und Sozialarbeiterin betreute Juliane Kinkel je 30 Franzosen vom Arbeitskommando 393 und 906. Diese wurden von einem 46jährigen Marburger Unteroffizier und drei 35jährigen Schützen 24 Stunden bewacht. Es herrschten KZ-ähnliche Zustände schreibt LAGIS17. Das Höchster Bauunternehmen Noll war maßgeblicher Betreiber des Zwangsarbeiterlagers Sossenheim. Aber auch andere Firmen wie die Sossenheimer Modellfabrik Knebel Kurmainzer Straße und die Ziegeleibetriebs-GmbH, Rödelheimer Firmen wie die arisierte Präzisionswerkzeugfabrik Günther & Kleinmond GmbH, deren jüdischer Eigentümer

 

Fußnoten: 

15 Antrag aus Privatbesitz 16 Zum Sossenheimer Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager im Volkshaus: www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/nstopo/id/1251 17 Zum Sossenheimer Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager im Volkshaus: www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/nstopo/id/1251 7

 

Heinrich Langenbach 1938 zum Verkauf seiner oHG gezwungen worden war, und der Radiohersteller Firma Max Braun nutzten das Zwangslager. Juliane Kinkel berichtete, dass auch Höchster Firmen wie die IG Farben Höchst und die Breuer-Werke das Lager nutzten. Auch betreute sie mindestens 30 weitere französische Zwangsarbeiter aus den Pyrenäen, aufgrund ihrer Russischsprachkenntnisse zudem russische „Ostarbeiter“.

Juliane Kinkel hörte und sah das Elend der internierten belgischen, französischen, russischen und ukrainischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen im Lager des örtlichen Kriegsgefangenen-Kommando STALAG IX B in der Siegener Straße 22. Auch hatte sie von der Untergrundgruppe der JOC Jeunesse Ouvrière Chrétienne18 unter Leitung eines französischen Priesters erfahren, die für die französischen Lagerinsassen dringend Hilfe suchte19. Bekannt war ihr auch, dass nur etwa 3.000 Priester die 900.000 Franzosen in Deutschland seelsorgerisch betreuen durften. Deutschen Priestern und Laien war jegliche seelsorgerische Tätigkeit unter Missachtung der Haager Landkriegsordnung von 1899 und der Genfer Konvention von 1929 durch die OKW-Verordnung (Oberkommando Wehrmacht) verboten worden.

in Erlass des RSHA (Reichssicherheitshauptamtes) untersagte nicht nur den französischen Zivilarbeitern den Gottesdienstbesuch, sondern auch im Rahmen der JOC-Aktionen20 den Einsatz von Arbeiterpriestern, Seminaristen und Laien für die seelsorgerische Betreuung für französische Zivilarbeiter. Ein solcher JOC-Aktivist war Duilio Balduini bei ADA-ADA, der von Frankfurt in das Konzentrationslager Dachau deportiert worden war und dort April 1944-April 1945 als einer von wenigen das KZ schwerstkrank überlebte. Ebenso wusste sie vom Lagerleiter der Ziegeleibetriebs-GmbH von der Existenz der vielen dortigen Zwangsarbeiter. Juliane Kinkel meldete sich aus ihrem christlichen Glauben heraus, den Menschen zu helfen. Ihr geistlicher Beistand war in der schweren Zeit zwischen 1942 und 1945 der Jesuit und Kaplan in St. Michael, Pater Peter Nober SJ21. Bei der Deutschen Arbeitsfront22 (DAF) ließ sie sich aufgrund ihrer französischen Fremdsprachenkenntnisse als ehrenamtliche unbezahlte Französisch-Dolmetscherin und Sozialfürsorgerin für die 6023 französischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen in Sossenheim verpflichten. Fast täglich erhielt Juliane Kinkel den Befehl: „Kommen Sie sofort ins Lager Volkshaus.24“

Zwischen 1940 und 1945 setzte sich Juliane Kinkel Tag und Nacht umfassend für die Belange der internierten Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen ein und versuchte,

Fußnoten: 

18 Französische Christliche Arbeiterjugend Gründung 1927, 246 Boulevard Saint-Denis, 92400 Courbevoie 19 Eikel Markus, „Französische Katholiken im Dritten Reich: Die religiöse Betreuung der französischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter 1940-1945“, 1999 und Ameloot, „Déportation von Frankfurt nach Dachau, Ein Bericht von Duilio Balduini April 1944-April 1945“, 2020 20 JOC Französische Christliche Arbeiterjugend Gründung 1927, 246 Boulevard Saint-Denis, 92400 Courbevoie hat in 400 deutschen Städten ein Netz von über 1.000 religiösen „Zellen“ aufgebaut vgl. Eikel S. 13 21 Sossenheimer Kaplan 1942 – 1945, er beschrieb in Briefen die Sossenheimer Christenverfolgung der NSDAP-Ortsgruppe, „300 Jahre St. Michael-Sossenheim 1706-2006“, S. 207. Nach 1945 arbeitete er am Päpstlichen Bibelinstitut als Bibliothekar und Herausgeber des Elenchus Bibliographicus Biblicus, eines der wichtigsten bibliographischen Hilfsmittel für die Bibelforschung 22 Die DAF Gauverwaltung Hessen-Nassau, Hauptstelle Arbeitseinsatz, war für die Lagerbetreuung der 143 Frankfurter Lager für Zwangsarbeiter zuständig 23 Annemarie und Toni Kinkel, „Als Sossenheim noch ein Dorf war“ S. 167 ff Fremdarbeiter und Kriegsgefangene 24 Annemarie und Toni Kinkel, „Als Sossenheim noch ein Dorf war“ a.a.O. 8 deren hartes Schicksal zu verbessern. Aus den eidesstattlichen Versicherungen ehemaliger französischer Zwangsarbeiter geht hervor, dass Juliane Kinkel sich dabei selbst mehrfach in Lebensgefahr brachte. Abbildung 12 Foto Dolmetscherausweis Juliane Kinkel (Privatbesitz)

Bedroht und angezeigt wurde sie u.a. bei der Gestapo vom Lagerführer und gelernten Schweißer D. K.. Diesem wurde neben Folterungen auch umfangreiche Lebensmittelunterschlagungen von Gefangenen vorgeworfen25. Den Lagerarzt machten die Zwangsarbeiter für den Tod mehrerer Kameraden verantwortlich. Sie erhoben Vorwürfe wegen unterlassener ärztlicher Hilfeleistung sowie wegen der Ausstellung falscher Totenscheine unter Angabe falscher Todesursachen. Denn der Lagerarzt stufte Kranke immer als arbeitstauglich ein. Dem Fabrikanten wurde vorgeworfen, die Internierten jahrelang unmenschlich behandelt zu haben. Besonders mit diesen drei Personen geriet Juliane Kinkel bei ihrem selbstlosen Einsatz in Konflikt. Die Gestapo Frankfurt führte seit 19.12.1941 eine Karteikarte und Akte über Juliane Kinkel mit Aktenzeichen 62.00 Per.K.1941, wie die Recherchen bei Arolsen Archives und dem Hessischen Landesarchiv ergaben26. Grund der Gestapo-Ermittlungen: „Tätigkeit für eine deutsch-französische Annäherung“.

Fußnoten: 

Abbildung 13 Karteikarte der Gestapo Frankfurt Aktenzeichen 62.00 Per.K.1941 25

„Wegen Unterschlagung der Schwer- und Langarbeiterzulage in Form von Nahrungsmitteln wurde die Lagerleitung streng verwarnt und einmal sogar 3 Tage eingesperrt“ – viel härter ging die NS-Justiz in Frankfurt bei gleichem Delikt „Fund Stoffstücke“ mit einer russischen Zwangsarbeiterin um, die zum Tode verurteilt wurde, vgl. Artikel „9 Juden“ und 18 jüdische Zwangsarbeiter in der Ziegeleibetriebsgesellschaft im Artikel „322 Zwangsarbeiter in Sossenheim“, S. 37

Fußnoten: 

26 Abbildung 13 Arolsen Archives Copy of 1.2.3.1 / 12215335 9

Sie versorgte im Geheimen erkrankte Zwangsarbeiter und verteilte Lebensmittel, teils aus ihrer eigenen Lebensmittelzuteilung. Sie setzte sich bei Unterbringung, Arbeitsbedingungen und in Notlagen nach Folterungen für die daran erkrankten Zwangsarbeiter und Internierten ein. So begleitete sie sie auch nachts und bei Bombenalarm zum Beispiel zur Behandlung ins Krankenhaus Höchst oder zu Sossenheimer Zahnärzten. Auch unterstützte sie die Zwangsarbeiter als Sozialfürsorgerin bei ihren Beschwerden etwa bei der französischen Delegation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und Gesundheitskommission über die katastrophale Unterbringung und die mangelhafte Verpflegung durch den Lagerleiter. Ihre Einstellung brachten ihr ernste persönliche Schwierigkeiten durch die Anzeigen bei den nationalsozialistischen Dienststellen, der DAF und mehrfach bei der Gestapo etwa wegen Sympathisierens mit Ausländern und Aufhetzung zur Arbeitsverweigerung.

Wären ihre Solidaritätshandlungen von der Gestapo entdeckt worden, hätte Juliane Kinkel als deutscher Widerstandskämpferin KZ und der Tod gedroht. Das Betreten des Lagers Siegener Straße wurde ihr schließlich verboten. Trotzdem half sie den Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen weiter als der einzige deutsche Mensch. Nach dem Krieg wurde sie von den Nutznießern des Zwangsarbeitersystems angezeigt und beschuldigt, an den verübten Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Dies konnte sie durch die offiziell beglaubigten acht eidesstattlichen Versicherungen und schriftlichen Aussagen 20 ehemaliger französischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter mit Fotos widerlegen. Die ehemaligen Zwangsarbeiter zollten ihrem persönlichen Einsatz höchsten Respekt und bedankten sich.27 Auch bestätigten viele Sossenheimer Bürger schriftlich, wie etwa der Zahnarzt Dr. med. dent. Thielmann, ihren selbstlosen Einsatz für die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen. Die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter stellten am 23.05.1945 Strafanzeige mit Benennung von zehn Zeugen, die dann zur kurzfristigen Inhaftierung von drei Monaten des Lagerführers führte und einem Verfahren vor der Spruchkammer Frankfurt in der Liebigstraße. Auch 17 deutsche Zeugen wurden im Verfahren aufgeführt und gehört

Fußnoten

Abbildung 13 Juliane Kinkel28 Abbildung 14 Foto Sossenheimer Friedhof mit denkmalgeschützter Grabstätte Juliane Kinkel29 27 Joachim Rotberg, Barbara Wieland, „Zwangsarbeit für die Kirche / Kirche unter Zwangsarbeitern“, Band 2, Das Bistum Limburg und der Ausländereinsatz 1939-1945, 2014, S. 640 ff 28 Juliane Kinkel, „Das Leben in Sossenheim vor hundert Jahren“, S. 6 29 Sossenheimer Friedhof Siegener Straße 54, frl. 0068-0070 W-03/EGrab 10 und die Eidesstattlichen Versicherungen von neun französischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen sowie die Aussage der Dolmetscherin und Sozialfürsorgerin Juliane Kinkel sowie der Sozialfürsorgerin bei der Schuhmaschinen AG Rödelheim, Loni Schneider.

Im Spruchkammerverfahren wurde der Lagerführer als Mitläufer eingestuft. Er musste eine Sühne von 500 Deutsche Mark leisten. Nach 1945 erteilte Juliane Kinkel in Sossenheim Nachhilfe in Englisch, Französisch und auch in Mathematik bis Oberprima. Sie engagierte sich zudem in der KAB Sossenheim. Ihre Schwester gab Klavierstunden und spielte die Kirchenorgel. Angeregt vom Stadtteil-Historiker und Berufskollegen Adalbert Vollert schrieb sie das weit über 100 Seiten starke Buch „Das Leben in Sossenheim vor hundert Jahren“. Mit bewundernswerter Akribie beschrieb die fast Neunzigjährige unsere Ortsgeschichte. Der Sossenheimer Stadtteil-Historiker Günter Moos bearbeitete den Text und veröffentlichte ihn 2009 im Rahmen des Programms der Polytechnischen Gesellschaft. Juliane Kinkel starb 1986 in ihrem Haus Am Kunzengarten 20 in Sossenheim. Auf dem Sossenheimer Friedhof erhielt sie als Widerstandkämpferin ein denkmalgeschütztes Grab.30 3. Veröffentlichungen über die Widerstandskämpferin Juliane Kinkel Juliane Kinkels Geschichte haben Barbara Bromberger und Katia Mausbach 1987 im Buch „Frauen und Frankfurt, Spuren vergessener Geschichte“ beschrieben. Sie wurde im Hessischen Rundfunk in der Sendung vom 17.11.1988 von der Journalistin Katharina Sperber erzählt. Die den Autoren übergebenen Originalunterlagen liegen heute im Dokumentationsarchiv des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945 in der Rossertstraße 9, 60323 Frankfurt am Main. Ebenfalls haben die Autoren Joachim Rotberg und Barbara Wieland in ihrem Buch „Zwangsarbeit für die Kirche/Kirche unter Zwangsarbeitern“ die Widerstandsarbeit dokumentiert. Der Stadtteil-Historiker Günter Moos erwähnt 2009 in Juliane Kinkels Buch „Das Leben in Sossenheim vor hundert Jahren“31 im Anhang ihre Arbeit im Widerstand (S 77 ff).

Die ehemalige Lehrerin Annemarie und ihr Ehemann, der Sossenheimer Hobbyhistoriker und Bruder von Juliane, Toni Kinkel, erzählen ihre Geschichte 1985 in dem Buch: „Als Sossenheim noch ein Dorf war“ (1985, S. 167ff.). Die Geschichte der Widerstandskämpferin Juliane Kinkel wurde vom Verfasser im Internet auf der Homepage der St. Michaelskirche Sossenheim seit 2018 dargestellt32. Gleiches galt bis 2020 für die Homepage bei der KAB Rhein-Main in Frankfurt, im ältesten Frankfurter KAB-Verein Sossenheim von 189733. In Wikipedia34 wurde Juliane Kinkel als deutsche Widerstandskämpferin und Mitglied der Katholischen-Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) Katholische Christin im Widerstand mit weiteren 30 Denkmalgeschützte Grabstätte frl.0068-0070 W-03/E Grab Kinkel Grabmerkmal Denkmalschutz 31 Das Buch entstand anhand der handschriftlichen Aufzeichnungen Juliane Kinkels von 1970 32 www.margareta-frankfurt.de/glaube-mi/14-st-michael/826-julia-ne-kink-el-kathol-ische-christ-in-im-wider-stand.html 33  kab-limburg.de/bezirk-rhein-main/vereine/frankfurt/sossenheim/. 34 de.wikipedia.org/wiki/Juliane_Kinkel 11 Quellenangaben und Links ebenfalls 2020 beschrieben. 2021 soll für Juliane Kinkel als katholische Widerstandkämpferin ein Schlaglicht vor ihrem Haus Am Kunzengarten 18 angebracht werden.

Im Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen LAGIS35 ist das Lager Sossenheim mit Weblink zu Wikipedia: Juliane Kinkel (Biografie einer im Volkshaus eingesetzten Dolmetscherin, eingesehen am 14.04.2020) ebenso beschrieben wie im Buch des protestantischen Pfarrers Hellwig-Wegner-Nord „Politische Pilgerfahrt nach Chatyn“: „Verschiedene Frankfurter Firmen unterhielten im Volkshaus Sossenheim ein Gemeinschaftslager für Zwangsarbeiter. Der Bauunternehmer Jakob Noll war maßgeblicher Betreiber des Zwangsarbeiterlagers im Sossenheimer Volkshaus. Allerdings nutzten auch andere Firmen wie Max Braun, Günther & Kleinmond sowie Lorenz Knebel die Einrichtung zur Unterbringung ihrer Arbeiter. Im Volkshaus waren Belgier und Franzosen, sogenannte Westarbeiter, untergebracht, die für die Frankfurter Spezialfabrik für Rundfunk und Phonogeräte arbeiten mussten. Der Arbeitseinsatz von 52 Franzosen und 44 Flamen ist für das Jahr 1943 belegt. Andere Quellen geben 167 Zwangsarbeiter, davon zwei Ostarbeiter und einen Schutzangehöriger des Reiches an (Meyer, Arbeitserziehungslager Heddernheim, Nr. 92). Auch ein Arbeitskommando französischer Kriegsgefangener aus dem Stalag IX B Wegscheide wurde im Volkshaus untergebracht. In diesem Lager wurden die Gefangenen unter menschenunwürdigen Bedingungen gefangen gehalten und waren der Folter des Lagerführers schutzlos ausgeliefert. Einige der Zwangsarbeiter wurden vom Lagerführer nach Heddernheim geschickt.“ Abbildung 15 Hellwig Wegner-Nord S. 87 „Politische Pilgerfahrt nach Chatyn“ 35 www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/nstopo/id/1251

– » Link https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/nstopo/id/1131 1706-2006 Chronik der Katholischen Pfarrgemeinde St. Michael – Sossenheim, 2006, S. 93 (Auszug Sossenheimer Zeitung 22.11.1913)

Autor: Heinz Hupfer

Einen weiterführenden aktuellen Text mit Dokumentation lesen Sie hier: https://st-michael-sossenheim.de/juliane-kinkel-katholische-christin-im-widerstand-2

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