Panische „Just-in-Time-Politik“

Köln, 11. August 2026: KAB kritisiert die zeitweilige Aufhebung des Sonntagsfahrverbots für Lkw

Mit der zeitlich beschränkten Aufhebung des Sonntagsfahrverbots für LKW erweckt Verkehrsminister Steffen Bilger den Eindruck von Entscheidungs- und Handlungsstärke. Auch die Bundesländer, die entsprechende Ausnahmeregelungen kurzfristig beschließen, reagieren damit auf den akuten Handlungsdruck. „In Wahrheit aber sind Bilger und die Länderchefs Getriebene eines Systems, das ihnen kaum Spielraum lässt“, kritisiert Stefan-Bernhard Eirich, der geschäftsführende Vorsitzende der Katholischen Arbeitnehmerbewegung Deutschlands (KAB).

Ihr Agieren steht exemplarisch für die seit Jahrzehnten politisch und wirtschaftlich geforderte Verlagerung von Lagerbeständen auf die Straße – und damit zunehmend auch auf die Beschäftigten im Güterverkehr. Unter dem Schlagwort „Just-in-Time“ wurden Lagerkapazitäten abgebaut und Lieferketten auf möglichst geringe Bestände und maximale zeitliche Effizienz ausgerichtet. Die Folge ist eine „rollende Lagerhaltung“, bei der die Straßen die Funktion von Lagern übernehmen müssen.

Ebenso wie die Industrie reagieren nun Bilger und die Länder unter dem großen Zeitdruck, der diesem System innewohnt. Die Freigabe des Sonntagsfahrverbots bediene zwar das dringende Bedürfnis nach einer Sofortmaßnahme. Sie beantworte jedoch nicht die entscheidende Frage nach deren Wirksamkeit. Sie dürfte bestenfalls dazu beitragen, punktuelle Lieferabrisse bei besonders wichtigen systemrelevanten Gütern (wie Kraftstoffen oder Chemierohstoffen) zu verhindern. Neue Transportkapazitäten schaffe sie jedoch nicht, sondern verschiebe die Belastungsgrenzen der Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer nur von den Werktagen auf das Wochenende, so Eirich weiter. Als gezielte Maßnahme werde sie am Mangel der verfügbaren Fachkräfte und den Schwächen des Verkehrsnetzes scheitern. Es sei jedoch zu befürchten, dass auf diesem Weg im Transportsektor durch die Hintertür die Siebentagewoche etabliert werde. Der wirtschaftliche Druck auf Speditionen und ihre Fahrer und Fahrerinnen werde steigen, auch an Sonntagen Logistikdienstleistungen bereitzustellen, warnt Eirich. Die Ausnahme könnte bald zur Regel werden. 

Eirich fordert daher eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Grundprinzipien des bisherigen Transportsystems im Sinne der Nachhaltigkeit. Seiner Ansicht nach muss ein Wandel von „Just-in-Time“ zu „Just-in-Case“ stattfinden. Unternehmen sollten verpflichtet werden, strategische Pufferlager an wichtigen Logistikknotenpunkten aufzubauen. Höhere Lagerkosten seien oft günstiger als panische Reaktionen zur Vermeidung eines Produktionsstopps. Des Weiteren müsse eine nachhaltige Verkehrspolitik, die diesen Namen verdiene, die Resilienz der Lieferketten stärken und so den Zeitdruck von den Speditionen und Fahrern nehmen. Die KAB weist zudem darauf hin, dass auch langfristige Konsumänderungen den Grundbedarf an Transporten senken und so spürbar Druck aus dem System nehmen. Für eine krisenfeste Güterlogistik müssen sie jedoch zwingend mit technischen Anpassungen – wie flachgehenden Schiffstypen und dem Ausbau der Schieneninfrastruktur – kombiniert werden.

Die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung ist ein katholischer Berufs- und Sozialverband, der sich seit über 175 Jahren für eine lebenswerte Arbeits- und Berufswelt einsetzt. Als Bewegung für soziale Gerechtigkeit positioniert sie sich politisch, beteiligt sich an öffentlichen Debatten und setzt Impulse zur aktiven Gestaltung der Zukunft.

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